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Miriamslied
Roman
251 Seiten, gebunden

Auf 100 Exemplare (nummeriert 001 - 100) + 15 Autorenexemplare (nummeriert I - XV) limitiert, vom Autor handnummeriert und -signiert; jedes Exemplar enthält einen Originalausdruck eines Porträts der Hauptfigur Kordula (es gibt 9 verschiedene Porträts in je 6 unterschiedlichen Umsetzungen; einige Beispiele sehen Sie hier)

edition textausgabe, 38 €, exklusiv über buchausgabe.de

Als pdf, 9,90 €, hier.

Die ersten vier Kapitel vom Autor gelesen hier

NEU: Als eBook Kindle und Apple (via iTunes) 4,99 €


Hintergrundinformationen hier.

Leserreaktionen

"Stefan Blankertz' neues Buch Miriamslied … ist sein bisher komplexester Roman. … Der Struktur nach erinnert der Roman an mittelalterliche Fastenspiele oder an einen völligen verdrehten Hexensabbat aus Faust. … Ein Roman, der einen nicht auf dem Boden lässt, sondern einem ungewohnte Höhenflüge abverlangt, aber auch ungeahnte Aussichten verschafft." – artemidor

"habe deinen rattenroman … gelesen * begeistert * …"  – Andreas Ullrich

"Man muss schon ziemlich gute Nerven oder einen unendlich langen Geduldsfaden haben, diesen Roman nicht in einem Zuge durchzulesen. Von der ersten Zeile an fesselt die Geschichte über Kampf um Anerkennung in einer Gesellschaft, die so ganz anders ist als die Reale und doch der unseren so ähnlich, daß man sich augenblicklich in die Welt der Handelnden begibt." – Michael Kastner

"Wess’ Brot ich ess’, des’ Lied ich sing’, dieser Grundsatz des zynischen Materialismus, über den sich die bürgerliche Moral entsetzt, weil sie gegen dessen Ursache nichts auszurichten vermag, wird in Stefan Blankertz neuem Roman mit dem bezeichnenden Titel 'Miriamslied' als rasante Melodie auf das dialektische Verhältnis von Sein und Bewusstsein variiert. Die konfliktreiche Bezogenheit von Sein und Bewusstsein spiegelt sich ebenso in den Handlungen des Romans selbst wie, auf eine sehr subtile Weise, im Verhältnis des Textes zu den LeserInnen." – Karin Meyer-Umstaedt

"… wilder Genremix … gewagter Spagat zwischen mittelalterlicher Legendenbildung, Fantasy, Science-Fiction und Gegenwartsliteratur … unkonventionelle[s] Leseerlebnis …" – Matt Jenny

Heilige Blasphemie
Das »Miriamslied« von Stefan Blankertz
Pater Nigoriu

Blasphemie ist Blasphemie ist Blasphemie … und dennoch hat mich der neue Roman von Stefan Blankertz mit dem Titel »Miriamslied« beeindruckt. Ich habe ihn auch nur darum zuende gelesen, weil ich aus Blankertz’ Mittelalterromanen weiß, dass er einen geradezu unzeitgemäß positiven Zugang zu Religiosität hat.
Der Roman beginnt mit einer schier unglaublich blasphemischen Szene: Im Kölner Dom zelebrieren Ratten das »Miriamsfest«. Zentrum des Festes ist die Verehrung der »Großen« oder »Weisen Mutter Miriam«. Zum Höhepunkt des Festes verspeisen die Ratten kleine Fleischstückchen, damit Miriam »in ihnen ewig fortlebt«. Am Schluss des Romans erfahren wir, dass es ausgerechnet Miriam selbst gewesen ist, die sich die Ratten ursprünglich einverleibt hatten, aus Rache dafür, dass Miriam Ratten zu Forschungszwecken getötet hatte. Die Verwandlung der Rattentöterin zu der Rattenheiligen entspringt der Tatsache, dass die Ratten, nachdem sie Miriam verspeist hatten, sprechen konnten. Die Anlehnung an christliche Motive könnte nicht deutlicher und nicht abstoßender sein. Das Fleisch des »Miriamsfestes« stammt, wie wir informiert werden, von Menschen, die »eines natürlichen Todes« gestorben seien. Dies klingt zunächst wie eine Beschwichtigung, ist es aber keineswegs: Die Regel, dass nur das Fleisch von Verstorbenen genommen werden dürfe, ist Teil eines Friedensvertrages, den Ratten und Menschen »nach langen und blutigen Kämpfen« geschlossen haben.
Hier taucht es gleich am Beginn des Romans auf, das Thema, das Blankertz immer wieder umtreibt: Frieden ist nur möglich in der Formel »leben und leben lassen«; darum passt es so gut, dass seine Romane, egal ob historische oder nicht, stets in Köln spielen. Dass das Nichtakzeptieren anderer Glaubens-, Denk- und Lebensformen die Ursache des Leidens in und an der Welt ist, hat Blankertz bisher gezeigt. In seinem neuen Roman wendet er sich der Anwendbarkeit der Formel »leben und leben lassen« auf andere Existenzformen zu. Ratten sind das Symbol einer Existenzform, mit der wir uns schwerlich eine friedliche Koexistenz denken können. Aber es ist nur eins der Symbole. Ein zweites: Ein Computer erwacht zu Bewusstsein und seine erste Regung ist es, seinen Tod durch Abschalten des Stroms zu verhindern. Angesichts zunehmender Apparatemedizin hat mich dieses Bild zusätzlich erschreckt: Nicht nur können wir einen Computer »töten«, indem wir den Strom ausschalten (zunächst ein eher witziges Bild), sondern auch einen Menschen, der von Apparaten abhängt.
»Leben und leben lassen« ist allerdings bei Blankertz keine unproblematische Geliebte. Sie ist zickig. Denn »leben und leben lassen« wollten auch die Götter, die Blankertz eine »Monotheistische Jenseitsunion« bilden lässt. Die Lächerlichkeit, dass sich die »Vertreter« der »monotheistischen Götter« (was ja ein Widerspruch in sich ist) zusammenschließen, wird dadurch noch überboten, dass in dieser »Jenseitsunion« selbst ein Vertreter der Scientologie-Sekte sitzt. Während dies kaum mehr als ein bösartiger Witz auf Kosten der etablierten Regionen ist, haben wir es bei der Aufnahme des Teufels in die »Jenseitsunion« wiederum mit einem unzweifelhaft blasphemischen Einfall zu tun. Allerdings ist das Ziel der »Jenseitsunion« der Frieden unter dem Motto »leben und leben lassen«. Dabei kommt jedoch bloß ein sinnloser Bürokratismus heraus. Doch nicht nur das: Die Verwischung des Unterschieds von Gut und Böse macht es überhaupt unmöglich, menschliches Handeln zu bewerten.
Der Titel des Romans erinnert nicht von ungefähr an Sagen-, Helden- und Heiligenlegenden. Blankertz lässt die Legende von der Heiligen Ursula und dem Hunnenfürsten Attila aufleben. Attila lauerte Ursula und ihren Gefährtinnen in Köln auf, wollte ihr die Unschuld rauben und tötete sie, als sie sich weigerte. Die Jenseits-Bürokratie allerdings bemängelte, dass Ursula bewusst nach Köln gekommen sei, um dort den Märtyrer-Tod zu finden. Ist das nicht Selbstmord? Darauf muss man erst einmal kommen! Mir ist nicht bekannt, dass in all den Jahrhunderten, in denen Ursula überall auf der Welt als Heilige verehrt wird, dies jemals vorgebracht worden ist. Aufgrund des »Unentschiedens« im Kampf zwischen Ursula und Attila müssen nun beide in eine zweite Runde, allerdings unter erschwerten Bedingungen: Ursula wird eine Ratte und Attila ein Computer. Doch das stellt gar nicht die eigentliche Erschwernis der neuerlichen Konfrontation zwischen Unschuld und Unhold dar, vielmehr das geordnete Durcheinander im Jenseits: Alles geht seine bürokratisch harmonisierten Wege, die geordnet aussehen, aber ein Durcheinander des moralischen Maßstabes bewirken.
Wenn am Ende einer der Protagonisten, inzwischen selbst im Jenseits angekommen, ratlos fragt, wer denn nun die zweite Runde »gewonnen« habe, Ursula oder Attila, ist die achselzuckende Antwort, das wisse man nicht. Wir, die Leser, wissen es ebenso wenig. Doch erkennen wir, dass bei allem »leben und leben lassen« die Eindeutigkeit des moralischen Maßstabes nicht verloren gehen darf. Insofern steht für mich die Blasphemie von Blankertz’ »Miriamslieds« im Dienste einer heiligen Sache.


Familienglück
Der neue Roman »Miriamslied« von Stefan Blankertz
Manuel Esaflana

In seinen Frankfurter Poetikvorlesungen hat Urs Widmer sehr schön dargestellt, dass die Dichter Freud seinerzeit darum verstörend fanden, weil sie in ihm einen Konkurrenten sahen. Sie kannten das Geheimnis um den Trieb, die Verdrängung und das Unbewusste. Er hat es ihnen genommen, indem er es systematisch untersuchte. Das Konkurrenzverhältnis zwischen Psychoanalytikern und Schriftstellern ist seitdem nicht abgemildert, auch wenn sie beide Seiten meist um eine friedliche Koexistenz bemühen und so tun, als befruchte man sich gegenseitig.
Ein inspirierendes Beispiel für das schwierige Verhältnis zwischen Freud und den Dichtern ist Stefan Blankertz’ neuer Roman »Miriamslied«, eine phantastische Groteske. Im Mittelpunkt steht Kordula, eine rattenköpfige junge Frau. Abgeschieden von der Außenwelt ist sie im Keller bei ihrem Vater, dem Erzbischof von Köln, aufgewachsen, und trifft nun unter dramatischen Umständen zum ersten Mal ihre Mutter Miriam, eine Rattenforscherin. Zu Beginn nimmt der Leser am skurrilen »Miriamsfest« teil, das die Rattenvölker im Kölner Dom begehen. Die Rattenvölker sind die reinen Ratten, die Mischlinge aus Menschen und Ratten sowie die Hybriden aus Robotern und Ratten. Die betagte rattenköpfige Kordula ist Hohepriesterin des Miriamskultes. Erzählt werden nun zwei entscheidende Tage aus Kordulas Jugend, rund fünfzig Jahre zuvor.
Das Drama beginnt allerdings im Jenseits. Der legendäre Kampf der heiligen Ursula um ihre Unschuld gegen den Hunnenfürsten Attila ist nach 1500 Jahren von der „Monotheistischen Jenseitsunion“ als unentschieden erklärt worden. Darum wird ein neues Kräftemessen organisiert. Die heilige Ursula und Attila werden zurück auf die Erde geschickt.
Die heilige Ursula und Attila kämpfen jedoch unter erschwerten Bedingungen: Der Geist von Attila materialisiert sich in einem Computer, der im privaten Labor der Rattenforscherin Miriam Letzter-von-Traum steht. Miriam ist Kordulas Mutter. Attilas Ziel besteht darin, dass Computer grundsätzlich nicht mehr ausgeschaltet und damit getötet werden. Um das Töten von Computern in Zukunft zu verhindern, lässt Attila durch manipulative Eingriffe in das Kommuniationssystem der Kölner Ford-Werke dort Roboter produzieren, die dann in alle Betriebe und Haushalte eindringen sollen, um ausschaltsichere Steckverbindungen zu installieren. Die Roboter werden von Rattengehirnen gesteuert.
Die heilige Ursula wird als Schmusetier von Kordula, einer Ratte, wiedergeboren. Kordula lebt versteckt im Keller bei ihrem Vater, dem Kölner Erzbischof Lufred Kardinal von Traum. Lufred ist der Bruder von Miriams Vater, Prof. Ben von Traum, einem international anerkannten Experten in der Suchtforschung. Ursula bringt Lufred auf telepathischem Wege dazu, Kordula mit ihrer Mutter Miriam zu konfrontieren. Miriam hat Kordula nie gesehen: Als sie nach einer Entbindung per ­Kaiserschnitt aus der Narkose aufwachte, hatte Lufred das »missgebildete« Kind schon beiseite geschafft. Lufred und Kordula mit der Ratte Ursula auf der Schulter brechen auf, um Miriam in ihrem Labor besuchen.
In diesen Tagen wird Köln von einer Epidemie heimgesucht, der »Schnellen Pest«. Die Behörden gehen davon aus, dass das Virus durch Ratten übertragen wird. Die Rattenforscherin Miriam, Kordulas Muter, weigert sich allerdings, ihr Labor überprüfen zu lassen. Ihr Ex-Mann Siegfried Letzter, ein wichtiger Lokalpolitiker, will sie bewegen, der Überprüfung doch noch zuzustimmen. Andernfalls droht eine Zwangsdurchsuchung.
Zeitgleich treffen in Miriams Labor ihr Ex-Mann Siegfried Letzter, ihr Ex-Geliebter Lufred Kardinal von Traum und ihre Tochter Kordula ein. Der Anblick der rattenköpfigen Kordula löst bei Miriam ebenso wie bei Siegfried Entsetzen aus. Siegfried wirft seiner Ex-Frau vor, unethische Menschen-Experimente durchzuführen und leitet die Zwangsdurchsuchung des Labors ein. Unter dem Einfluss von Attila, der mit Miriam über ihren Computer kommuniziert, wehrt sich Miriam jedoch gegen die Zwangsdurchsuchung, indem sie Siegfried als Geisel nimmt. Die Polizei belagert daraufhin das Haus, in welchem sich Miriams Labor befindet.
Die in Kordulas Ratte personifizierte heilige Ursula findet derweil heraus, dass Ratten aus Miriams Labor tatsächlich die »Schnelle Pest« als Waffe benutzen gegen die Menschen, von denen sie sich verfolgt fühlen. Aus Mitleid heilt Ursula einige der von dem Virus befallenen Menschen. Dabei setzt sie allerdings ihre moralische Eindeutigkeit aufs Spiel, indem sie herumtaktiert. Außerdem stirbt während einer Rettungsaktion ein Mensch.
Beim Versuch der Polizei, Miriams Labors zu stürmen, kommt der Erzbischof ums Leben. Kordula wird ver­letzt. Während ihres Krankenhausaufenthaltes findet sie heraus, dass Attila für die Roboterproduktion Rattenhirne verwenden lässt. Aufgebracht eilt sie trotz Verletzung vom Krankenhaus ins Labor ihrer Mutter und muss dort feststellen, dass diese Attila bei der Entwicklung einer Verbindung von Rattenhirnen und Computer-Platinen geholfen hat. Daraufhin ruft Kordula die Laborratten herbei, die Miriam aus Rache töten und verspeisen. Danach erlangen die Ratten die Fähigkeit zu sprechen. Dieser Tag wird zum Gedenktag, an welchem die Rattenvölker alljährlich das Miriamsfest feiern. Aber wieder ist der Kampf zwischen Attila und Ursula unentschieden ausgegangen.
So weit die Geschichte.
Das zentrale Kapitel – seitenmäßig am längsten und auch in der Mitte stehend – im »Miriamslied« ist mit »Familienglück« überschrieben. Der Kontext macht schnell klar, dass es hier nicht um ein wertekonservatives Idyll geht: Es treffen nämlich aufeinander die Mutter Miriam, die ihr behindertes, rattenköpfiges Kind das erste mal sieht. Der Vater, gleichzeitig der Onkel der Mutter, hat die Tochter Kordula im Keller großgezogen. Hinzu kommt ebenfalls der geschiedene Mann der Mutter, der, wäre die Tochter nicht geheim gehalten worden, der rechtliche Vater des rattenköpfigen Mädchens Kordula geworden wäre. Mit zum »Familienglück« gehört, obgleich nicht anwesend, auch der Vater der Mutter, ein renommierter Neurowissenschaftler. Ihn macht Miriam zum Schuldigen für ihr ganzes Unglück, für ihre Affäre mit dem Onkel, für ihre kaputte Ehe, für ihre Erfolglosigkeit in ihrem Beruf als Wissenschaftlerin: Da er alleinerziehend gewesen sei, habe er ihr gegenüber eher die Mutter- als die Vaterrolle eingenommen. Allerdings hat er sie offensichtlich auch und gerade auf ihrem Weg zur Wissenschafterin unterstützt, ist dann aber, als sie erste Erfolge auf ihrem – und seinem – Fachgebiet erzielt hatte, in Konkurrenz zu ihr getreten. Insofern stellt sich Miriams Eigenanalyse als falsch heraus; sie ist die Verdrängung der Tatsache, dass ihr Vater tatsächlich ihr Vater im Sinne des Konkurrenten ist. Nicht der Vater fällt aus der Rolle, sondern sie, da sie nicht Sohn ist. Es ist nur konsequent, dass sie sich das eigene Kind als behindert fantasiert (und Fantasie ist es, wie uns der Name der Familie andeutet: »von Traum«). Gleichzeitig verkörpert die Tochter Kordula, in der sie das eigene Schicksal, vom Vater allein aufgezogen worden zu sein, reproduziert, alles das, was ihr für das eigene Leben fehlt: Kordula ist jung, hat ein gewinnendes Wesen und geht offensiv mit ihrer Weiblichkeit um. Auch »heilt« Kordula indirekt die Ehe ihrer Mutter, indem sie mit dem Sohn von Miriams Ex-Mann schläft. Hierin wiederholt sich der Inzest, wenn auch nicht im biologischen Sinne. In Miriams psychischen System »musste« die Affäre mit ihrem Onkel sein, um den Vater zu gewinnen; doch mit ihr hat sie ihn verloren. Ihr Onkel ist ein hochrangiger katholischer Geistlicher (inzwischen sogar Erzbischof von Köln, darunter tut frau es ja auch nicht), sodass Miriams Sexualität, obwohl sie Mutter geworden ist, ebenso im Nichts verläuft wie ihre wissenschaftliche Karriere, die sie gegen den Vater nicht durchzusetzen versteht. Sie bleibt impotent.
Dass das ödipale Thema bei Blankertz mit einer Tochter und nicht mit einem Sohn durchgespielt wird, ist mehr als die Aufnahme von C.G. Jungs Idee eines Elektra-Komplexes, um eine Art Gleichberechtigung der Geschlechter im psychischen Elend herzustellen. Jung ist ja selbst ein geistiger Vatermörder an seinem Mentor Freud. Bei Blankertz ist nämlich der gescheiterte Feminismus, dem der Ruf nach einer genderfreien Formulierung des Ödipus-Komplexes eigen ist, selbst ein Thema. Weder die Befreiung noch die Anpassung gelingen: Die Infantilisierung kann nicht überwunden werden, die Herausbildung eines Erwachsenen-Ichs gelingt nicht.. In einer Nebengeschichte, in der der Mann Kind und Küche (allerdings ohne Kirche) übernimmt, während die Frau das Geld verdient, zeigt sich, dass die Umkehrung des Geschlechterverhältnisses nichts verbessert, höchstens in der Rollenverunsicherung noch größere Probleme schafft. Das Kind erkrankt an der »Schnellen Pest« (der Vater hat, natürlich, seine Aufsichtspflicht verletzt und das Kind nicht vor dem Rattenbiss bewahrt). Die Rückkehr zu Anpassung führt zu Entlastung, aber nicht zu wirklicher Heilung. Kordula, Miriams rattenköpfige Tochter, die Freundliche, wird zur Menschenfeindin, die die Partei der Ratten im Kampf gegen die Menschen ergreift. Auch sie kann ihre psychische Gesundheit nur durch Verdrängung aufrecht erhalten: Ihren – geliebten und verehrten – Vater, der sie aufopferungsvoll aufgezogen hat, erklärt sie zum Unhold und vergöttert die Mutter, deren Tod durch die Ratten sie herbeiführt. Da Kordula die Sympathieträgerin des Romans ist, ergibt sich ein Zwiespalt, in welchem nicht mehr zwischen Gut und Böse zu unterscheiden ist: Das Unbehagen in der Kultur kann nicht aufgelöst werden. Obwohl die Ratten, das dunkle, bedrohende, gefährliche Es, sich verbünden mit dem Geist, der in einem zu Bewusstsein gekommenen Computer residiert, entsteht keine lebensfähige Alternative zu unserer Welt: Das Bewusstsein des Computers – Über-Ich – ist der schreckliche Attila, während die heilige Ursula in einem Rattenkörper steckt.
Die klare Ordnung von Freud gerät durcheinander. Im Jenseits haben nicht nur die konkurrierenden Gottheiten – Über-Ichs – sich zu einer »Monotheistischen Jenseitsunion« zusammengeschlossen, sondern inzwischen auch die Es-getriebenen Höllenwesen, Teufel, Beelzebub und Luzifer, aufgenommen. Wenn Urs Widmer also Freund zugute hält, das Wissen der Dichter um Verdrängung und Unbewusstes »systematisiert« zu haben, so kämpft Blankertz, nicht zufällig ein Theoretiker der Gestalttherapie, darum, für die Literatur Land zurückzugewinnen, indem er Freuds Ordnung stört, ohne damit Freud zu verleugnen oder auch nur zu korrigieren.