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die literatte 

Broschiert: 191 Seiten
Verlag: Holzinger Verlag, Berlin
Preis: 12,00 €
ISBN-13: 978-3-926396-74-7

Thomas Prawon ist die  Literatte. Tagebuchartige Aufzeichnungen, Unterrichtsprotokolle, erste literarische Versuche und die Erinnerung an ein nächtliches Gespräch, worin Thomas’ Vater ihn bei viel Rotwein damit konfrontiert, dass sein kriegsvermisster Großvater ein überzeugter Nationalsozialist war, schlachtet er aus, um für seinen weiteren Lebensweg entscheidende Tage im Sommer und Herbst 1974 zu beschreiben. Während Thomas die Welt des Geistes entdeckt, würgt ihn die Langeweile des Lehrstoffes. Einzige Ausnahme bildet eine ebenso attraktive wie kluge Philosophielehrerin …

Da ich auf eigene alte Aufzeichnungen aus den 1970er Jahren zurückgreifen konnte, kommt der damalige Sprachstil authentisch zu Wort. Sprachexperimente in Anlehnung an Arno Schmidt et.al. und eine ausgefeilte Typografie, die die unterschiedlichen Zeit- und Aussageebenen visualisiert, runden dieses ungewöhnliche Buch ab.

Leseprobe hier. 

 

Was für eine Erleichterung, mal wieder etwas Arno-Schmidt-inspiriertes zu lesen. Ich hatte großes Vergnügen mit dem Buch, weil es so schön viele Facetten zeigt: Deine (reale oder imaginierte) Biographie; die Sprachspiele; die Ebenen der Ver-literArisierung von Erlebnissen; so daß Erlebtes und Erzähltes ineinander übergehen; eine wunderschön atemlose Liebesszene (die ich sehr gut nachvollziehen konnte); die politische Kritik an der Schule und anderen Kollektivismen und die überzeugende Argumentation für die Auflösung von Kollektivismen (in der Aporie, in die die Vermutungen über die Ursache des Todes des Großvaters führen) und eine "agonistische" Gesellschaft, die aus sich aneinander reibenden Gruppen (chemisch: Konvektionszonen) bestehen: die Reibung wird damit treibender Motor von gesellschaftlichen Veränderungen.

Reinhard Stiebler

 

Ein Interview über die Literatte mit der Literatte

Frage: In Ihrem Romanen, Herr Blankertz, sind Sie immer in ferne Welten gegangen, zurück in Mittelalter oder in die Zukunft oder haben sich sogar ins Innere der Erde begeben. Ihr neuer Roman, „Die Literatte“, spielt Mitte der 1970er Jahre, die Hauptfigur, der angehende Schriftsteller Thomas Prawon, ist 18, so wie Sie zu jener Zeit auch. Was hat Sie veranlasst, diese Geschichte zu schreiben und jene Zeit zu wählen?
Blankertz: Ein Ahnenforscher, der unter seinen Vorfahren eine „Blankertz“ hatte, wandte sich an mich mit der Bitte, ihm Unterlagen aus unserer Familiengeschichte zu überlassen. Ich suchte sie zusammen und wurde vor allem noch einmal mit meinem Großvater konfrontiert, der ein überzeugter Nationalsozialist gewesen war. Ich habe ihn nie kennengelernt, weil er als kriegsvermisst gilt. Bei den Unterlagen befand sich der Brief des Suchdienstes vom Roten Kreuz an meine Großmutter, mit dem er die Nachforschungen 1974 für beendet erklärte. Dies erinnerte mich an ein für meine Entwicklung wichtiges Gespräch mit meinem Vater über den Großvater. Weil ich mich dann auch an die literarischen Fragmente erinnerte, die ich in jener Zeit verfasste und die ich Umzug für Umzug mit mir führte, ohne sie je wieder anzuschauen, habe ich begonnen, um dieses Gespräch herum einen Roman zu bauen.

Frage: Ist „Die Literatte“ ein autobiografischer Roman?
Blankertz: Der Roman enthält viele echte – und manche gefakte – literarische Bruchstücke von mir aus Mitte und Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre. Das heißt, es handelt sich um schon damals fiktionalisierte Erfahrung. So nannte mir letztens erst ein Mitschüler, der sich zufällig gerade bei mir gemeldet hat, den echten Namen der Philosophielehrerin, unserem Schwarm. Ich hatte sie nur noch unter dem Pseudonym in Erinnerung. Aber die Schulerinnerungen, besonders die Stundenprotokolle, sind schon sehr dicht an dem unmittelbar damals Erlebten.

Frage: Und wie viel „Tom“ steckt in Ihnen?
Blankertz: Ich glaube nicht, dass ich damals jemals daran gedacht hätte, literarischer Schriftsteller werden zu wollen. Schreiben schon. Aber mein Vater hat gemeint, dass für mich nichts als Wissenschaftler in Frage kommt. Zumindest zeitweise hätte ich wohl auch „Revolutionär“ als Beruf angegeben. Aber nicht Schöngeist, das wäre von keiner Seite aus gegangen. Insofern ist „Die Literatte“ auch ein Experiment, wie es gewesen wäre, wenn ich von Anfang an mich als Schriftsteller verstanden hätte.

Frage: Also haben Sie nicht nur damals Ihre Erinnerungen bereits „fiktionalisiert“, wie Sie gesagt haben, sondern auch beim Aufschreiben jetzt bewusste Veränderungen vorgenommen. Ich bin verwirrt. Welche Texte und Passagen in Ihrem Roman sind denn nun alt und welche neu?
Blankertz: Nach Abschluss der Arbeit an „Die Literatte“ habe ich die Aufzeichnungen von damals vernichtet, sodass es selbst für mich immer schwerer wird, genau auseinander zu halten, was authentisch aus der damaligen Zeit stammt und was neu ist. Das ist Absicht. Allerdings habe ich die meisten wörtlichen Reden ziemlich unverändert aus den alten Unterlagen entnommen, ganz einfach darum, weil ich dann sicher sein konnte, dass ich keine Worte und Wendungen verwende, die aus der heutigen Umgangs- und Jugendsprache stammen.

Frage: Grottenlangweilige Lehrer, denen nichts anderes als Zensurendruck einfällt, um die Schüler zum Lernen zu bewegen, eine Mutter, die als „Türdrache“ bezeichnet wird, ein Widerstand, der unter dem Banner des „Maoismus“ marschiert und vor allem Enge und Gruppendruck ausstrahlt, ein Freund, der sich nicht in gleicher Weise für das Projekt eines gemeinsam zu schreibenden Romans einsetzt – das kling nach einem Umfeld, das wenig anregend auf aufnahmebereit ist. Was war ein Gegengewicht? Oder was hat gefehlt?
Blankertz: Das weiß Tom nicht so genau. Er hat eher das nebulöse Gefühl, dass die Welt nicht für ihn „gemacht“ ist. Sich „heimischer“ zu fühlen ist eine Utopie, aber es fehlen ihm die Ideen und die Mittel, etwas zu tun, um sie zu realisieren.

Frage: Er macht den Eindruck von „gefrorener Energie“ auf mich. Was macht er mit Begeisterung, mit Liebe, mit Beteiligung des Herzens?
Blankertz: Was er schreibt, schreibt er mit Herzblut. Diese innere Welt aufzusuchen, ist das Tröstliche. Dort ist eine Welt zu bauen, in der man zwar auch kämpfen muss, aber in der man sich ein wenig besser zurecht findet.

Frage: Kämpfen, wofür?
Blankertz: Für Verständnis, dafür, nicht immer vorschnelle Antworten geben zu müssen, differenzierter über richtig und falsch, gut und böse nachdenken zu dürfen, ohne gleich aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden, weil jede Gruppe darauf achtet, dass jeder die eingeübten Antworten parat hat und nicht abweicht.

Frage: In diesem Zusammenhang stehen ja auch die Auseinandersetzungen mit dem Terrorismus und zwar nicht nur, wie es für die Zeit üblich gewesen zu sein scheint, mit linkem Terrorismus, sondern auch mit rechtem. Es findet sich in der „Literatte“ zum Beispiel eine Kurzgeschichte über eine rechte Terroristin. Angesichts des aktuellen Falls rechten Terrorismus’, der so genannten „Brauen Armee Fraktion“, ist diese Kurzgeschichte von geradezu beklemmender Aktualität. Nun wecken Sie mit der Geschichte sogar Verständnis für diese Terroristin und am Ende spürt man gegen seinen Willen so etwas wie Rührung. Ist das erlaubt? Darf man das?
Blankertz: Genau dafür ist Literatur da. Wenn sie nicht mit Vorstellungskraft die Grenzen des Verstehbaren und des Nachvollziehbaren auslotet und dort Verständnis erzeugt, wo es normalerweise endet, hat sie keine soziale Daseinsberechtigung, wäre bloß „Lesefutter“, wie Peter Handke sagt. Verständnis ist nicht mit Einverständnis gleichzusetzen. Aber wenn wir anfangen, Verbrecher und Täter als Nicht-Menschen zu sehen, keines Gefühls fähig und keines Gefühls würdig, dann tun wir genau das, was wir ihnen vorwerfen.

Das Interview führte Monika Buschmann.