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Die stumme Sünde

Mittelalter-Krimi, Nr. 2 der El-Arab-Serie

– jetzt als eBook bei Apple, Kindle etc. –

Zeit der Handlung: Köln & Paris 1274 sowie Rückblenden in die 1260er Jahre der Lehrzeit von Johannes in Paris 

Berlin 2012 (Virulent)

Der Text von 2003 ist für die Neuausgabe überarbeitet worden.

Und hat ein neues, angemessenes Cover bekommen.

Was ist anders an meinen Mittelalterromanen?

Es ist falsch, generell die Idee der politischen Freiheit mit der Forderung nach sexueller Askese verbunden zu sehen, nur weil dies im Fall des Puritanismus so war: Der Puritanismus ist nur eine Möglichkeit, für politische Freiheit einzutreten. Aber durch seinen sexuellen Dogmatismus trägt er die totalitäre Konsequenz bereits in sich. Dies gilt für die mittelalterliche Aufklärungsphilosophie nicht. Sie ist konsequent an der Vernunft orientiert. Und mit Vernunft lässt sich die Forderung nach Askese nun mal nicht durchgängig begründen.

Thomas von Aquin hat mich gelehrt, immer die Motive der Menschen, etwas zu tun, zu betrachten – diese Motive können nicht anders als »gut« sein. Sie sind gut in dem Sinne, dass der Mensch nichts anstreben kann, was er nicht als gut (zumindest für sich selbst) ansieht. Die Schlechtigkeit ist unbeabsichtigt, sie kommt durch den sozialen Kontext zustande, den wir nicht unter Kontrolle haben.

In »Die stumme Sünde« geht es, speziell, um Homosexualität. 

Homosexualität wurde, so lautet die These einer Reihe von Historikern, im christlichen Abendland erst ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in scharfer Weise bestraft. Gewiss fehlt es auch vorher nicht an moralischen Verurteilungen gleichgeschlechtlicher Liebe, diesen folgten aber im allgemeinen keine weltlichen Sanktionen, ausgenommen die mögliche Verbannung aus einer Stadt, wenn ein homosexuelles Verhältnis zum öffentlichen Skandal führte.

Die These von der frühmittelalterlichen Toleranz der Homo­sexualität gegenüber wird historisch-wissenschaftlich vor allem mit zwei Indizien belegt:

1. In den »Bußbüchern« – gleichsam Handreichungen für Seelsorger, wie sie mit dem, was sie in Beichten zu hören bekamen, umzugehen hätten – wurde Homosexualität relativ beiläufig behandelt und die Schwere der Sünde geringer eingestuft als etwa unerlaubtes Jagen.

2. In den Listen der weltlichen Strafen und Verurteilungen fehlen weitgehend solche, die Homosexualität ahnden. Wenn man davon ausgeht, dies rühre nicht daher, dass es keine gleichgeschlechtlichen Beziehungen gegeben habe, liegt nahe, eine stillschweigende Akzeptanz anzunehmen.

Offen positive Berichte über Homosexualität dagegen fehlen, sieht man einmal von den durchaus homoerotisch interpretierbaren, leidenschaftlichen Lobeshymnen auf »geistige« Freundschaften zwischen Mönchen oder zwischen Nonnen ab.

Wie die Menschen auf die Veränderung des sozialen Klimas im 13. Jahrhundert reagiert haben, können wir so genau nicht wissen. Diese Lücke habe ich durch eine lockere Anlehnung an einen historisch verbürgten Fall mit literarischer Fiktion zu füllen versucht. Denn überliefert sind nur die asketischen Predigten von Reformern, die für eine schärfere sexuelle Zucht eintraten und dazu auch die Hilfe weltlicher Strafsysteme anforderten. Aber wie haben sich diejenigen gefühlt, die auf diese Weise angegriffen und bedroht wurden? Was haben ihre Freunde und Verwandten gesagt?

Die Veränderung der Haltung gegenüber der Homosexualität steht im Zusammenhang mit anderen sozialen Entwicklungen im 13. Jahrhundert:

– Es war noch gar nicht so lange her, dass der Zölibat durchgesetzt wurde. Aber weiterhin leisteten sowohl Kleriker als auch Gläubige hartnäckig Widerstand. Auch den hohen kirchlichen Würdenträgern, die zugleich Fürsten waren, war es ein Dorn im Auge, keine legitimen Nachkommen zeugen zu dürfen. Zur flächendeckenden Überwachung der Einhaltung des Zölibates bedurfte die Kirche der weltlichen Mächte.

– Ebenso bediente sich die Kirche der weltlichen Mächte, um ihren Kampf gegen Andersgläubige (»Ketzer«, »Häretiker«) in blutigen Verfolgungen realisieren zu können. Die Kirche verurteilte die Ketzer, die weltlichen Mächte richteten sie hin.

– Zudem war die kirchliche Eheauffassung noch keineswegs fest verankert. Die Mehrheit der Bevölkerung heiratete überhaupt nicht kirchlich. Die Adeligen, bei denen Heirat mit kirchlichem Segen unabdingbar war, um die Legitimität der Erbfolge zu sichern, hielten weder etwas von Monogamie noch von der Unauflöslichkeit der Ehe.

Im 13. Jahrhundert entstand eine neue Konzeption des Zusammenlebens: Moralische Maßstäbe sollten nicht nur durch die Androhung jenseitiger, sondern schon diesseitiger Strafen verbindlich gemacht werden. Dazu war es nötig, dass jeglicher Zweifel an der Richtigkeit der moralischen Maßstäbe unterdrückt wurde. Dies kam dem Ansinnen der Feudalherrn, ihre Macht als politisch-staatliche zu festigen, entgegen. Auf der kirchlichen Seite wurde die neue Konzeption von Theologen vorangetrieben, die meinten, sich auf Franz von Assisi berufen zu können: Obwohl Franz von Assisi selbst ein unpolitischer Theologe war, jeder, selbst der ordensmäßigen Organisation abhold, eignete sich seine Auffassung gut für die neue Konzeption, denn die Franziskaner lehrten, die Wahrheit unmittelbar von Gott zu erhalten. Philo-sophische Interpretationen waren nicht nötig.

Dagegen stand die Scholastik, wie sie etwa Petrus Abaelardus, Albertus Magnus, Siger von Brabant, Roger Bacon und Thomas von Aquin vertraten. Die scholastischen Philosophen hielten nicht kirchliche oder weltliche Instanzen für die Sachwalter der Wahrheit, sondern allein die Vernunft eines jeden Einzelnen. Für sie stellten Vernunft und Leidenschaften keine Feinde dar, sondern ihnen ging es darum, beides zu versöhnen. Bei ihnen ging es nicht darum, die Leidenschaften zu bekämpfen oder abzutöten, sondern vernünftig mit ihnen umzugehen. Ihre Devise lautete, jeder müsse seine Leidenschaften so zügeln, dass niemand Schaden nehme. Dies war ihrer Ansicht nach die Aufgabe der Vernunft.

Trotz der Verehrung, die in der Folgezeit besonders Albertus Magnus und Thomas von Aquin zuteil wurde, hat sowohl die kirchliche als auch die politische Entwicklung den anderen Weg genommen, den Weg der Macht, die über die Vernunft triumphierte. Insofern ist das 13. Jahrhundert ein Scheideweg der abendländischen Kultur gewesen: Es ging um Vernunft und Gefühl versus Macht und Leibfeindlichkeit.

Das 13. Jahrhundert ist darum so aktuell, weil wir auch heute wieder der Frage gegenüberstehen, wie wir mit Andersartigkeit umgehen – in religiöser ebenso wie in kultureller Hinsicht. Die Haltung zur Homosexualität ist ein möglicher Prüfstein für unsere Fähigkeit zur Offenheit.

Was in der Frage der historischen Beurteilung eine ungefährliche intellektuelle Spielerei genannt werden kann, ist für die Akteure von tödlichem Ernst, heute nicht weniger als damals.