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Credo Zeit der Handlung: Köln 1277 & Brescia 1258 Demgegenüber verfolgt die mittelalterliche Aufklärung sowohl der islamischen als auch der christlichen Philosophen die Utopie, nur die Wahrheit des Arguments dürfe überzeugen. Die Voraussetzung dafür ist die angstfrei zu gebende Zustimmung jedes vernunftbegabten Menschen, mithin die Enthaltung von Gewalt und ihrer Androhung. Gleichwohl birgt der unbedingte Glaube an die Wahrheit des eigenen Denkens den Keim für die Unduldsamkeit, mit der Waffe in der Hand demjenigen nachzuhelfen, der sich verstockt der zwingenden Logik widersetzt. Wer dagegen wirklich, wie es die Ethik der Vernunft gebietet, auf Gewalt Verzicht leistet, wird ohne weiteres Aufsehen aus der Geschichte hinausgeschleudert und endet auf deren Misthaufen, den Historikern höchstens eine mild ironische Fußnote wert. Hier muss die Kunst einspringen und den Verlierern ein Denkmal setzen. Doch ach!, die Kunst gerät nun in die gleiche Falle, nämlich Partei für die Verlierer zu ergreifen ungeachtet dessen, ob diese Partei sich der Hochschätzung denn auch als wert erweist. Eine verbreitete Strategie, sich der unbequemen Lehre aus der mittelalterlichen Aufklärung zu entziehen, besteht darin, die Existenz der mittelalterlichen Aufklärung schlichtweg zu leugnen. Es wird ganz einfach behauptet, die ganze Philosophie und Theologie des Mittelalters erschöpfe sich darin, die Unterordnung des Menschen unter die von Gott gewollte Ordnung zu begründen, die sich in den realen Machtverhältnissen widerspiegele. Voraussetzung für diese Interpretation der mittelalterlichen Philosophie und Theologie ist aber, dass es eine solche stabile Gesellschaft tatsächlich gegeben hat, in der jeder seinen festen und unverrückbaren Platz zugesprochen bekam. Damit mündet die Leugnung der mittelalterlichen Aufklärung in ein Leugnen auch der Vielgestaltigkeit des mittelalterlichen Lebens. Wer zum Beispiel von positiven Aspekten der christlichen Barmherzigkeit und Gleichheitsvorstellungen, der auf autonomen Gruppen basierenden Gerichtsbarkeit sowie der fehlenden Infrastruktur staatlicher Verwaltungen spricht, wird als jemand verlacht, der romantischen Idyllisierungen nachhängt. Eine weitere Konsequenz aus der Leugnung der mittelalterlichen Aufklärung ist, dass das, was zur kirchenoffiziellen asketischen Auffassung stilisiert wird, auch zum moralischen Maßstab der Beurteilung historischer Fakten gemacht wird: Mönche, Priester, Bischöfe mit Konkubinen etwa sind dieser Interpretation zufolge nicht Träger einer anderen Auffassung, sondern einfach verwerfliche Individuen, denen das moralische Rückgrat fehlte. Ein anderes Beispiel: Wer nicht in die Verurteilung von Homosexualität einstimmte, wird als Teil der Dekadenz hingestellt, die den moralischen Niedergang des Mittelalters kennzeichnete. Oder: Ein Abt, der nicht auf die strenge Einhaltung der Fastenregeln achtete, wird nicht als Repräsentant christlicher Milde interpretiert, sondern als jemand, dem der Verfall der Sitten einerlei war. Bei einer solchen Sichtweise bleibt dann nicht nur die sozialgeschichtliche Realität, sondern auch die produktive Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen Philosophie und Theologie auf der Strecke. Aber schon der leiseste Versuch, diese Form heiliger Toleranz ins Politische zu übersetzen, wie es Averom – »El Arab« – versucht, scheitert: Wer die Instrumente der Herrschaft benutzt, erliegt deren inneren Logik. Und diese Logik beginnt mit Mord und endet auf dem Scheiterhaufen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Immerhin: Die von Averom so geschätzten Dominikaner waren kaum zwanzig Jahre vor 1252 das Instrument der sogenannten »ersten Inquisition«, die, obgleich in ihrer Grausamkeit nicht mit der großen Inquisition des 16. Jahrhunderts vergleichbar, Ausdruck höchster Intoleranz war. Der Dominikaner Thomas von Aquin lehnte zwar die gewaltsame »Bekehrung« von Nichtchristen kategorisch ab (da der Glaube freiwillig sein müsse), rechtfertigte aber, dass diejenigen, die Christus die Treue geschworen hätten, auch unter Zuhilfenahme »körperlicher Mittel« (Gewalt?) dazu gebracht werden sollten, diese Treue einzuhalten. Danach würde man sich als Nichtchrist durchaus besser stehen denn als Christ! Ja, im Scheitern liegt das Gelingen der Aufklärung. Es bleibt zu hoffen, dass die Toleranz nicht abermals unterliegt. |















