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Miriamslied
Roman
edition g. 204
2, überarbeitete und erweiterte Auflage 2015
272 Seiten, [D] 17,80 €
ISBN 978-3-7386-3830-1

»Der Kult um Kordulas Mutter Miriam hatte den Rattenvölkern in der Zeit jener zermürbenden Auseinandersetzungen mit den Menschen Halt gegeben. Wie aber ist der Mythos entstanden? Was ist vor rund einem halben Jahrhundert in Kordulas Jugend wirklich geschehen?
Um auf diese Fragen Antworten zu erhalten, müssen wir uns zunächst in das Jenseits begeben, weil wir dort miterleben können, wie dem grausamen Hunnenfürsten Attila und der heiligen Prinzessin Ursula eine neuerliche Bewährungsprobe im Diesseits auferlegt wird. Das Schicksal von Miriam und ihrer Tochter Kordula ist nämlich eng verbunden mit der unerwarteten Wiederkunft dieser beiden legendären Gestalten aus den alten Zeiten, in denen das Wissen um die Bedeutung des Über- beziehungsweise Unterirdischen für die Menschen noch lebendig war.«
Mit schwarzem Humor und düsterer Erotik wird in diesem phantastischen Roman der Entstehung einer Religion nachgegangen, die aus der Liebe zwischen einer sprechenden Ratte und einem denkenden Computer wächst.

Stilistisch noch mal durchgeknetet. Und mit einer Kurzgeschichte als »Bonus Track«, die die Biografie des Kriminalbeamten Bernd Winkel weitererzählt. Gegenüber der Erstausgabe 2012 enthält diese Überarbeitung zusätzlich drei farbige Kordula-Portraits und zwei weitere Versionen von Kordulas »Befreiungslieds«.

Mein Sorgenkind: wie die rattenköpfige Hauptfigur Kordula, so das Buch, könnte man sagen. Nach Wi[e]derlesen und Überarbeiten, muss ich sagen, habe immer noch die Überzeugung, dass ein gutes Buch es sei: Die Frage wie Recht, Lebensrecht, entsteht, in einer schwarzhumorigen, religionssatirischen Parabel verpackt zu stellen, das ist mir gelungen. Details wie die »Monotheistische Jenseitsunion«, dem Zusammenschluss aller monotheistischen Gottheiten, bei dem nunmehr auch Buddhisten als Beobachter zugelassen seien und zu der auch der Teufel gehört, vom Gastauftritt L. Ron Hubbarts ganz zu schweigen, im Kalten Krieg mit den Terroristen vom »Polytheitischen Block«, finde ich nach wie vor witzig. Und der Erzbischof von Köln, nicht bloß Vater, sondern einer einer rattenköpfigen Geilheit, die er im Keller seines Palastes großzieht – das ist provozierend-schön.
Warum also »Sorgenkind«? Irgendwann, es muss 2006 gewesen sein, fragte mich Herr Emons, ob ich einen Roman zur Eröffnung für seine geplante neue lokal angesiedelte Fantasy-Reihe schreiben wollte. Als ich Ja sagte, entstand ein für mich verhängnisvolles* Missverständnis. Er dachte, ich würde etwas Seichtes schreiben nach der Art, Engel ermittelt in einem Kölner Mordfall und vielleicht treten auch noch ein paar Teufel und Feen auf. Und überhaupt: Ein Text mit sage und schreibe drei Zeitebenen, das geht nun schon mal gar nicht. Ich dachte, er fragt mich, weil er nach etwas Besonderem sucht. Dumm gelaufen, für ihn ohne Konsequenzen, für mich sehr wohl, weil mit dem »Miriamslied« die Zusammenarbeit (und meine vermeintlich einziger Publikationsweg) endete. Andreas Ullrich hat mir damals erklärt, warum:
»was dir im wege steht, ein modischer (=erfolgreicher) schriftsteller zu werden, ist dein respekt. selbst vor deinen erfundenen figuren hast du ihn – bis zur diskretion. ich hatte das in der vergangenheit als ›vernunft‹ bezeichnet, als unspannerhaftes gelten lassen selbst des fremdesten. nimm z.b. deine rattenköpfige schönheit: du stellst sie nicht bloß, indem du sie vor einem pornovideo im internet onanieren lässt, im orgasmus noch ihren verdammten rattenkopf orgiastisch verfluchend; du lässt sie nicht, unter einer vergitterten burka (hat auch ’n terminus technikus, hab ich aber vergessen) in eine disco gehen und ihrem extasybegeisterten begatter im letzten moment die spannkraft spontan vergehen, wenn die rattenbarthaare erregt ihre umzäunung verlassen – coitus interruptus rattiensis. all das: NICHT! das aber wäre genau die erfordernis, skandalös zu sein (wie die feuchtgebiete, das fleckenteufel-double und der scheiss). gleichzeitig wird aber auch dein traum einer toleranten welt (der jeder deiner figuren irgendwie und irgendwann ein mildes licht schenkt) zu naiv (was – bitte – kein schimpfwort ist!) in szene gesetzt: die akrobatik der anspruchsvollen gutmenschen ist dir nicht eigen. deine vorstellung von ›gut‹ ist zu gebrochen, zu verständnisvoll, zu genau wissend, dass ›gut sein‹ unmöglich ist und dennoch die einzige option, die ein freier mensch bedenkenlos wählen kann. du bist einfach zu einfach, zu geradeheraus – und das, ohne das ›geradeheraus‹ noch modisch-närrisch im bilde des existenziell verzweifelnden narren zu brechen. du bist durch deine einfachheit zu kompliziert und durch deine menschenliebe (die sogar vor laptop-leibern nicht halt macht) zu unspektakulär.«

  • Wie immer mann es nimmt. Künstlerisch habe ich angefangen, Gedichte und andere verrückte Sachen zu schreiben.

»Stefan Blankertz’ neues Buch Miriamslied … ist sein bisher komplexester Roman. … Der Struktur nach erinnert der Roman an mittelalterliche Fastenspiele oder an einen völligen verdrehten Hexensabbat aus Faust. … Ein Roman, der einen nicht auf dem Boden lässt, sondern einem ungewohnte Höhenflüge abverlangt, aber auch ungeahnte Aussichten verschafft.« – artemidor

»habe deinen rattenroman … gelesen * begeistert * …« – Andreas Ullrich

»Man muss schon ziemlich gute Nerven oder einen unendlich langen Geduldsfaden haben, diesen Roman nicht in einem Zuge durchzulesen. Von der ersten Zeile an fesselt die Geschichte über Kampf um Anerkennung in einer Gesellschaft, die so ganz anders ist als die Reale und doch der unseren so ähnlich, daß man sich augenblicklich in die Welt der Handelnden begibt.« – Michael Kastner

Sein oder Bewusstsein? Der Roman »Miriamslied«
Karin Meyer-Umstaedt

»Wess’ Brot ich ess’, des’ Lied ich sing’«, Grundsatz zynischen Materialismus’, über den die bürgerliche Moral sich entsetzt, weil sie gegen dessen Ursache nichts auszurichten vermag, wird in Blankertz’ Roman mit dem bezeichnenden Titel Miriamslied als rasante Melodie auf das dialektische Verhältnis von Sein und Bewusstsein variiert. Konfliktreiche Bezogenheit von Sein und Bewusstsein spiegelt sich ebenso in den Handlungen des Romans selber wie, auf eine sehr subtile Weise, im Verhältnis des Textes zu den Lesex.
Der Roman beginnt mit einer gespenstischen religiösen Zeremonie, abgehalten von sprechenden Ratten, Robotern mit Rattenhirnen und Menschen mit Rattenköpfen im Kölner Dom. Der Ton des im Präsenz vorgetragenen Berichts ist reportageartig nüchtern: Der Eindruck entsteht, es handele sich um ein Ereignis des Neuigkeitswerts der Versammlung des örtlichen Kaninchenzüchtervereins. In der Zeremonie wird die Mutter der Hohepriesterin verehrt, die – wie indirekt zu erfahren ist – den Ratten die Stimme verliehen und die Mischwesen geschaffen hat.
Nun springen wir um 50 Jahre in die Vergangenheit, als die Hohepriesterin, die erste Mensch-Ratte, eine Jugendliche ist und ihre Mutter, von der sie seit der Geburt getrennt war, zum ersten Mal trifft. Über die zwischen diesem Ereignis – das Kapitel ist mit hintergründiger Ironie als »Familienglück« tituliert – und der anfänglichen Zeremonie liegenden Jahre wird wenig berichtet, nur dunkel angedeutet, es hätten »blutige Kämpfe« zwischen den Ratten und den Menschen stattgefunden. Obgleich wir als LeserInnen von dieser Zeit nichts Genaues erfahren, uns demzufolge die gleichsam materielle Grundlage fehlt, können wir uns aufgrund dessen, was wir dann erfahren, einiges denken: Unser Bewusstsein rekonstruiert das Sein, autonom, aber doch nicht unabhängig vom Sein. Diese Dialektik von Sein und Bewusstsein ist Konstruktionsprinzip des Romans.
Die Verehrung von Miriam, der Mutter der rattenköpfigen Frau, habe, so werden wir knapp informiert, den »Rattenvölkern« in den schweren Zeiten der Verfolgung »Halt« gegeben. Was wir dann jedoch über die tatsächlichen Vorgänge in der Jugend von Kordula, der rattenköpfigen Frau, erfahren, stimmt nun aber mit dem haltgebenden Mythos nicht überein. Diese in dem Dienst der Ideologie stehende Differenz von Sein und Bewusstsein zieht leitmotivisch sich durch den Roman bis in feinste Verästelungen: Die Figuren, deren Sprechen meist durch einen je eigenen »Ideolekt« gekennzeichnet ist, halten innere Dialoge in standardisiertem Hochdeutsch. Es gibt eine bezeichnende Ausnahme: Ursula denkt und spricht in einem feministisch umgedeuteten,
geradezu lächerlichen Kanakisch. Sie ist eine Ratte, die als Wiedergeborene der Heiligen Ursula das Prinzip des Guten, der Identität repräsentiert. Ihre Gutheit jedoch bleibt kraftlos. Die Ratten, die mit einem Biokampfstoff gegen ihre Ausrottung durch die Menschen kämpfen, lassen zum Frieden sich ebenso wenig überreden wie die Menschen von dem Plan der Ausrottung abbringen. Was ihr bleibt, ist, den einen oder anderen erkrankten Menschen zu heilen und um die getötete Ratten zu trauern. Ihr Tun bleibt so folgenlos, dass sich die Frage, ob sie denn wenigstens wie ihr historisches Vorbild sich ihre »Unschuld« bewahrt habe, nicht zu entscheiden ist. Die Harmonie von Sein und Bewusstsein bedeutet Ohnmacht im Sein.
Der Kampf der Ratten ums Überleben, der die Zugänglichkeit für die »moralisierende« Ideologie versperrt, hat seine Entsprechung in Attila, dem Geist des in einem Computer wiedergeborenen Peinigers der Heiligen Ursula. Auch diese hoch geistige Substanz muss um seine materielle Existenz sich Sorgen machen: Wenn ihm der Strom abgestellt würde, so würde er sterben. Im Gegensatz zu den Ratten, die aus Betroffenheit und Empörung mit planlosem Hass agieren, geht der Computer Attila jedoch systematisch vor. Allein mit instrumenteller Vernunft diszipliniert er die Ratten, um sie strategisch einsetzen zu können, arbeitet jedoch gleichzeitig daran, sie durch Roboter mit Rattenhirnen zu ersetzen. Im Verein mit Miriam, der frustrierten Wissenschaftlerin, die die Ideologie von der Wertfreiheit der Wissenschaft allzu ernst genommen und sich dadurch die Karriere ruiniert hat, ergibt eine mächtige Koalition sich, von der Kampfkraft zu erwarten ist, jedoch nicht die Schaffung einer besseren Welt.
Die Idee der besseren Welt ist eingesperrt. Kordula, Miriams rattenköpfige Tochter, lebt bis zu dem Zeitpunkt, da der Roman spielt, von der Welt abgeschirmt bei ihrem Vater im Keller auf. Kordulas Vater ist nicht nur Onkel ihrer Mutter, sondern auch Erzbischof von Köln. Um mit seiner grotesken Situation fertig zu werden, bekommt er Psychopharmaka von Miriam, seinem »Sündenfall«. Religion ist nicht mehr Opium fürs Volk, sondern nur noch für sich selber. In einer witzigen Wendung des Buches erhält Attila, der sich in einer grausamen Maschinensprache ausdrückt, von Ratte Ursula Opium in den Lüftungsventilator gespritzt und sprich danach wie ein normaler Mensch. Kordula lebt in ihrem Keller wie eine Rundumversorgte ohne materielle Ängste. Sie trifft nun scheinbar unverdorben auf die Welt, die sie bloß aus dem Fernsehen kennt, deren Bosheit sie jedoch nicht ernst nimmt, weil sie sie nicht am eigenen Leib erlebt hat. Die Utopie besserer Welt zerbricht in ihr, weil sie den Realitätstest nicht besteht: Kordula wird den Vater, der sie zwar in Unfreiheit hielt und ihr dennoch nichts versagte, zum Bösewicht stilisieren. Ihre Mutter Miriam, die sie weggegeben hat und die Ratten zu Forschungszwecken tötete, dagegen wird zur Schutzheiligen der Ratten und Mischwesen. Das Heiligtum des »Miriamismus« der Rattenvölker ist ein Tresor aus Miriams Labor: In ihm, so die Legende, sei das Böse weggesperrt – dabei handelt es sich, wie nur der Leser weiß, um eine eher harmlose Ursula-Reliquie. Das Böse ist eben nicht weggesperrt.
Eine andere Form des Eingesperrtseins erlebt Bernd, der Polizist. Um seine Familie zu ernähren, hat er seinen Traum, Künstler zu werden, aufgegeben. Aus dem psychologischen Gefängnis versucht er auszubrechen, indem er all seine Hoffnungen in Kordula hinein projiziert. Die Szene, in der Bernd nach dem Tod des Erzbischofs in Kordulas Zimmer sitzt, über sein Leben reflektiert und beschließt, es fortan in Kordulas Dienst zu stellen, stellt für mich den schönsten Moment des Romans dar. Obwohl er Bernds Geschichte so wenig wie die der anderen weiter erzählt, lässt sich unschwer abschätzen, dass Bernd in dem Lügengebäude, das Kordula errichtet, in eine erneute Gefangenschaft gerät wie Kordula selber.
Unbeschadet bleibt bloß Ben, Vater von Miriam und Bruder des Erzbischofs. Er befindet sich als Wissenschaftler mit konformen Ansichten in Übereinstimmung mit den herrschenden Zuständen. Der einzige Stachel der Unwahrheit seines Lebens, den er fühlt, ist, dass er zur Aufrechterhaltung des eigenen Friedens mit der Gesellschaft seine rebellische Tochter verraten musste. Der Tod von Ben deutet allerdings an, dass die Gesellschaft nicht einmal mehr die Enklave des privatistischen Glücks für die Konformen bereit zu halten willens oder in der Lage ist.