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Du sollst nicht töten
Distopie
208 Seiten
edition g. 203
2013
2., durchgesehene Auflage 2015
[D] € 14,80
ISBN 978-3-7386-2992-7

Berlin in knapp 25 Jahren. Zehn Jahre nach dem zweiten Bürgerkrieg zwischen fundamentalistischen Christen und Moslems und der Teilung der Stadt in drei verfeindete Staaten provoziert ein Grenzzwischenfall einen weiteren Waffengang der verfeindeten Sektoren. Ausgelöst hat den Grenzzwischenfall ein ehemaliger Kriegsheld, der nun aber einer Friedensinitiative angehört. Er erleidet einem Flashback aufgrund staatlicher Repression einerseits und Verlockung durch einen alten Kumpel aus Kampfzeiten, den es zu den kriegstreibenden Terroristen verschlagen hat, andererseits. Drei Perspektiven – Marko, der Ex-Held und unglückselige Friedenskämpfer, Felizitas, seine schwerbehinderte Frau, und Nikola, die Leiterin der neuen Inquisition gegen Marko und seine Gruppe – ein Ziel: Auszuloten, was zum Krieg treibt und wie schwer es ist, die Möglichkeit des Friedens auch nur denkend zu bewahren.

Nicht von ungefähr stehen zwei Bücher aus dem Jahre 1943 Pate für den Roman: Stefan Andres »Wir sind Utopia« und Juan Carlos Onettis »Para esta noche« (Für diese Nacht).

Erst nach dem Schreiben des Romans habe ich von meinem Vater eine Kriegserinnerung über seine Verwundung gelesen, die er kur nach dem Zweiten Weltkrieg verfasste. In Marko, der im fiktiven Bürgerkrieg schwer verletzt wurde, hat sich gewissermaßen unbewusstes Wissen ausgedrückt.

Lesesplitter 1
»Wir werden uns nördreich* halten und die Schneise durch das gepeinigte Reinickendorf schlagen. In Pankow haben wir genug psychisch-spirituell überzeugte Schwestern und Brüder unter friedensbewegten Waffen. Sie werden in gegenseitiger Absprache von der anderen Seite aus zustoßen und sich dann mit uns vereinigen, um die unvergessenen Märtyrer zu rächen.«

Lesesplitter 2
Am Holm der Seitentür entdeckte Marko sogar noch einen dieser alten Aufkleber aus der Anfangszeit des Kampfes mit den dreifaltigen Halbprofilen von Kristus* Jesus, Genosse Stalin und Präsidentin Eva. Der eher noch rote als schon violette Fond war verblasst, an einigen Stellen dem Weiß des Trägermaterials gewichen. ›Im Grunde seines Herzens‹, sagte Eva, ›war Väterchen Stalin ein gesunder Krist.* Bloß die damaligen widrigen Umstände als Erbe der bolschewistischen Revolution hatten ihn daran gehindert, sich zu bekennen, und stattdessen veranlasst, einen beinharten Gottfreien zu mimen. Doch schaut nur in sein gütiges Gesicht und euch fällt es von den Augen wie Schuppen.‹

Lesesplitter 3
O mein lieber Stalin, wiedergeborener Kristus* Jesus, du, Herr der Heere und vollgesunder Hirte, betete Nikola, rette uns vor dem Virus der Toleranz, der das Immunsystem des Glaubens geschwächt hat und jenen Schädlingen erlaubte, in die Burg des Volkes einzudringen, die fremde und kranke Ideen mit sich brachten.

Lesesplitter 4
›Der ewige Friede ist ein Traum‹, hatte der König in der diesjährigen, besonders gelungenen und allseits gefeierten Neujahrsansprache gesagt, ›dabei nicht einmal ein violetter. Der Krieg ist ein Glied in Gottes Weltordnung. In ihm kommen die gesündesten Tugenden des altruistischen Menschen zur Geltung: Mut und Entsagung, Pflichttreue und gesunde Bereitschaft, das eigene Leben für Landsleute, Gott und Glauben zu opfern. Ohne Krieg würde die Welt im selbstsüchtigen Idealismus versumpfen und den Feinden das ganze Feld überlassen.‹

Lesesplitter 5
Sein Gewissen erleichtern zu wollen, war ein so natürlicher Wunsch, ein humanes Grundbedürfnis; und es verkörperte Gnadenschwangerschaft, dasz* die psychiatrisch-spirituelle Untersuchung, der zu dienen sie berufen war, zur Verfügung stand, das Recht auf Beichte auch für alle jene Menschen umzusetzen, die zwar auf Abwege geraten waren, im Kern aber den gesunden Willen in ihre Psyche einschlossen, Diät zu halten.

Lesesplitter 6
›In diesem Kapitel‹, wirft Nikola mir vor, ›fällst du immer wieder aus der Rolle. Ich vermute, du hältst es nicht aus, eine Figur zusammenzubrauen, die von ihrer Mission derart durchdrungen ist, dasz* sie sie legitimiert, Gewalt gegen alle auszuüben, die ihr den Weg versperren. Die ständige Unterstellung sexueller Motive bis hin zum Gebrauch schmutzigdreckigungesunder Worte, die ich ja nicht einmal kenne, schlägt mir ziemreich auf den Magen und ich kann bloß die Diagnose als Psychiaterin stellen, dasz* es sich dabei um eine Projektion deiner eigenen ungesunddreckigschmutziger Probleme handelt. Spaß aber beiseite. Indem du so besessen von dem Gedanken der Toleranz bist, machst du dich unfähig, Toleranz gegenüber meiner Figur walten zu lassen. Du meinst, mir Widersprüche sowie unlautere Absichten anhängen zu müssen, während ich ganz und gar im Reinen mit mir bin, nicht weniger mit der Hirtenlogik der Psyche und des Herzens, du dagegen befindest dich im Paradox. Wenn du das nicht einsiehst, muss ich dich leider zur Behandlung überweisen. Denn eine derartige fehlende Krankheitseinsicht ist ein weiteres Indiz dafür, dasz* deine Fähigkeit zur regelkonformen menschreichen Kommunikation als schwer defizitär einzuschätzen ist, Stufe »grün«. Dies gilt laut gesicherter empirischer Kenntnisse als ziemlich zwangsläufige Folge bei Personen, die über eine längere Zeit ihre Diät vernachlässigen und Gedanken nachhängen, denen die gesamtgesellschaftschwangere Akzeptanz fehlen. Für wen keine gesunde Vollwertkostspiritualität Bestand hat, tut ihr latente Gewalt an, selbst wenn er sich hinter der Maske friedfertiger Toleranz verschanzt. Wer in seiner Psyche der spirituellen Gesundheit eine Heimstatt anbietet, dessen strukturelle Gewalt dagegen terapiert* den Menschen, anstatt ihm Leid anzutun.‹

Lesesplitter 7
Alle soll es treffen, die den Tod verdienen. Und dann zu guter Letzt steigen Marko und ich Arm in Arm über die Leiche von Eva hinweg, denn ich bin auferstanden, weil das Blut der Unwürdigen mich geheilt hat, zwischen den Bergen von weniger bedeutenden Toten der strahlenden Sonne entgegen. Wir gehen weiter und weiter und hören nicht auf, bis wir mit ihr in unendlicher Herrlichkeit verschmolzen sind.

Lesesplitter 8
Bloß die Nutten und nur die Krüppel arbeiten noch für jenen Frieden, denkt Felizitas.

Lesesplitter 9
»Danke, Felizitas«, sagt sie und stopft die Pistole wieder unter die marmorierte Decke, die über den Beinen von Felizitas liegt. »Pass auf sie auf. Man weiß nie, wofür man sie braucht, wenn man für den Frieden kämpft.«

  • Bitte beachten Sie, dass der Roman in yaschamitisch reformierter Ortografie verfasst ist.