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Buchtrailer zu „Katastrophe der Befreiung“ von Stefan Blankertz from Milan Pawlowski on Vimeo.

Die Katastrophe der Befreiung
Faschismus und Demokratie
Nebst eines Briefwechsels 1982-83 mit Paul K. Feyerabend über den Wert der Demokratie
323 Seiten
2., durchgesehene Auflage
[D] 21,80 €
Schriftenreihe des Murray Rothbard Institut für Ideologiekritik in der edition g. 107
ISBN 978-3-7386-5079-2

Die Versprechen der Demokratie auf Frieden, Freiheit und Wohlstand endeten im 20. Jahrhundert in Imperialismus, Weltkriegen, Genozid und rinks-lechter Terrorherrschaft. Die »Katastrophe der Befreiung« (Herbert Marcuse) setzt sich fort in demokratischen Wohlfahrtsstaaten, kriegerisch und protektionistisch nach außen, die nach innen einen »sanften« Faschismus der völligen Kontrolle des Individuums in »dessen« Interesse und zu »dessen« Schutz praktizieren. Am Ende steht eine »Welt ohne Asyl« (Paul Goodman).

In der radikalliberalen Tradition von Thomas Jefferson und Wilhelm von Humboldt unternehme ich es, die Bedingungen zu erkunden, die das Scheitern des freiheitlichen Projektes verursacht haben, und eine Perspektive von Frieden und Freiheit gegen einen ausufernden Staat zurückzugewinnen. Heterogene Ansätze von Neomarxismus über Liberalismus und Konservativismus bis hin zum Anarchismus werden integriert und auch literarische und filmische Zeugnisse von Bert Brecht über Ernst Jünger und John Ford bis hin zu Peter Handke, Mario Vargas Llosa und David Foster Wallace als gleichwertige Ressourcen politischer Theoriebildung genutzt.

Der Anhang enthält einen zum Teil bislang unveröffentlichten Briefwechsel 1982-83 mit dem Erkenntnistheoretiker Paul K. Feyerabend über den Wert von Demokratie.

Ein Buch, das die Grenzen zwischen Theorie und Literatur sprengt, ein »Canto« im Sinne von Ezra Pound, und mit einer Evolutionsgeschichte des Textes über 35 Jahre: Die frühesten verarbeiteten Notizen stammen vom Ende der 1970er Jahre, die neuestes aus dem Jahr 2013. Zweite, durchgesehene Auflage 2015.

Leseproben

006 Das Projekt globalen menschenwürdigen Lebens sch:eitert im 20. Jahrhundert. Die Verewigung des Faschismus in einer Weltregierung »ohne Asyl«6 machte sich zu der neuen Wirklichkeit. Das 21. Jahrhundert kann an Brutalität und Verödung in den Schatten stellen, was wir bislang erlebt haben, oder – ? –

031 Das Scheitern von Toleranz ist Inhalt des zweiten »christlichen« Jahrtausends. Dass Frieden Krieg bleibt, gestaltet das Scheitern. Dass das Gesetz sich vom Recht entfernt, stellt materielle Ursache für das Scheitern dar. Die Form des Scheiterns findet ihr Symbol in Oświęcim. Auch wenn klar wird, dass Auschwitz keine Sonderstellung zukommt, sondern Normallet0t des 20. Jahrhunderts ausdrückt, begründet das keine Relativierung oder Verharmlosung. Die Erkenntnis, dass wir nicht nach, sondern mitten in Auschwitz leben, macht so schaudern, dass sie für den Alltag untauglich ist. Ihre Möglichkeit entfaltet sich wie die, freilich beschauliche, philosophische Skepsis des 18. Jahrhunderts nur am schreibt:Ich.

035 Einst verbreitete sich Marxarchie, weil sie gut war für den Staat (Staatsvergottung im Schafspelz von Staatskritik). Sodann ereilte die Philophobie von Marx das Schicksal wie des verarmten Aristokraten, der per Annonce eine Anstellung mit »wenig Arbeit und hohem Gehalt« suchte und ’nen Blowjob im Klo eines noblen Hotels kriegte.

071 als K. die revolutionäre idee verbreiten wollte, da kopierte K. das auflagenstärkste boulevard-blatt. es gelang K., nach und nach, allen lesern die kopie anstelle des originals zu unterschieben. am ende beherrschte K. die öffentliche meinung. es änderte sich … Nichts

090 Im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts besiegten liberale Kräfte der Neuen Welt und einiger Abendländer die alte Ordnung, deren Ziele Hierarchisierung der Gesellschaft und Schutz der Privilegien waren. Der liberale Gesellschaftsvertrag sollte die für Alle gleichen individuellen Rechte wahren. Das 20. und beginnende 21. Jahrhundert sah sich mit einer Re-Etatisierung konfrontiert, welche in ihrer Reichweite von Eingriffen in Freiheit und Eigentum ohne historische Vorläufer ist: Faschismus oder Volksdemokratie, Militärdiktatur oder demokratischer Sozialismus, Wertekonservativismus, Neotheokratie (»Fundamentalismus«), Wohlfahrts-, Öko-, Gesundheits- und €urodiktatur, Quoten oder shitstorm sprachpolizeilicher political correctness.

106 Gehorsam erreicht der Staat, indem er natürliche Gruppenidentitäten wie Nation, Rasse und Kultur okkupiert. Der Staat strebt Hegemonie über das Bewusstsein an. Dazu bedient er sich der Sehnsucht, ihm zu entkommen.

122 Bürgerkrieg ist nicht, wie gesagt wird, Anarchie. Er ist der Ausdruck davon, dass die eingliedernde Kraft des Staates nicht mehr über das gesamte Staatsgebiet und über die gesamte Staatsbürgerschaft ausgedehnt werden kann. Für bestimmte Teile der Nation erscheinen ideelle und materielle Kosten der Eingliederung höher als die des Widerstandes. Gleichwohl bezieht der kriegführende Staat seine Kraft, in die bewaffnete Auseinandersetzung zu gehen, aus der ihm verbliebenen Fähigkeit zur Eingliederung. Nur solange Wehrdienst, Steuereintreibung und bürokratische Infrastruktur noch funktionsfähig sind, kann der Waffengang fortgesetzt werden. Als Klammer dient das Interesse, abgespaltene Teile der Nation weiter ausbeuten und unterdrücken zu können. Die Gegner im Kampf sind gezwungen, quasi-staatliche Strukturen zu errichten, wenn es ihnen nicht gelungen ist, sich schon bei der Abspaltung gewisser Teile des Apparates zu bemächtigen. Die Instrumentarien der staatlichen Integration werden um so grausamer angewandt, je unsicherer die territoriale Herrschaft ist.

135 Nach dem »Ermächtigungs-Gesetz« fügten sich (nicht alle Parteien, aber) alle Interessengruppen einschließlich der Arbeiter und Katholiken in einer anti-kapitalistischen Koalition dem neuen Staat: Sich nicht zu unterwerfen, hätte bedeutet, jede Möglichkeit aufzugeben, die Politik zu beeinflussen. Deshalb war es anscheinend ratsamer, zu kooperieren, jedenfalls kurzfristig gesehen. Der Mechanismus der Eingliederung in einem totalitären Staat gleicht demjenigen in einem demokratischen Staat. Dieser Mechanismus wird am besten mit dem Begriff »Gesellschaft des arbeitslosen Einkommens« beschrieben.
Die sozioökonomische Dynamik der Interaktion zwischen den organisierten Interessengruppen, aus der der Nationalsozialismus als gesellschaftliche Bewegung erwuchs, stellte keineswegs »automatisch« sich ein. Weder viele Eigentümer, noch Konservative, noch irgendeine andere Interessengruppe, die sich für den Faschismus stark machte, konnte realistisch auf Erfolg hoffen.
Die Erklärung für die Tatsache, dass derart viele Menschen, selbst im übrigen so rational handelnde Menschen wie Geschäftsleute, sich der faschistischen Koalition anschlossen, kann nur in einem Glauben an gottähnliche Fähigkeiten und Funktionen des Staates gefunden werden. Die Soziolatrie des Staates, der all die Widersprüche beseitige, die der begrenzten individuellen Vernunft eignen, ist das ideologische Fundament und die unerlässliche Vorbedingung für die Möglichkeit des Faschismus. Umgekehrt können wir feststellen, dass etwa in den USA der 1930er Jahre unter dem Banner des »New Deal« ebenfalls eine repressive Massenkoalition entstand, die »Sozialismus der Eigentümer« und »konservative Evolution« beinhaltete, aber kein politischer Faschismus war. Die politischen, wenn auch nicht sozialen Freiheiten blieben erhalten, weil eine starke Tradition des liberalen angelsächsischen Rechtsdenkens die Auffassung hochhielt, der Staat sei Schnittpunkt nicht harmonistischer, sondern widerstreitender Interessen.

152 Wenn wir in einer Demokratie unzufrieden sind, scheinen wir »es nicht anders gewollt« zu haben. Protest ist illegitim. Statt zu protestieren, leiden wir. Die Befriedung, die die Demokratie uns bringt, ist ein Äquivalent zum Bürgerkrieg. Keine Toten, aber jede Menge Neurotiker.

166 Bei den Knechten unten, da hält das Interesse der Herrschenden beides besetzt, den Egoismus und den Altruismus. Der Egoismus drückt sich in Angst um die eigene Existenz aus, die alle anderen Einsichten überlagert. Wer sich dem System nicht beugt, verliert sein Einkommen – das ist eine wirkungsvollere Bedrohung als die, sein Leben zu verlieren. Tote brauchen kein Einkommen. Die Kritiker leben zu lassen, unterwirft sie. Der Altruismus drückt sich im Zusammenhang mit dem Etatismus stets in einer Nannystaatlichkeit aus. Wer etwas für die Mitmenschen erreichen will, muss dazu die Instrumente des Zwangs in Gang setzen. Wer den Arbeitern helfen will, muss Gesetze durchbringen, die den Unternehmern die Handlungsfreiheit nehmen. Wer den Armen helfen will, der muss die Arbeiter besteuern. Wer Schülern helfen will, muss Lehrern Vorschriften machen. Wer den Frauen helfen will, muss die Quote gesetzlich verankern. Schließlich ist allen geholfen und niemand kann mehr tun, was sie will. Statt universellen Glücks schafft der Altruismus psychische Verelendung.

179 Die Individualisierung hat in wirkLicht:keit nicht stattgefunden. Die dekomponierten moralischen Regeln und die unmittelbaren gesellschaftlichen Kontrollen (z.B. durch die Nachbarschaft in der Dorfgemeinschaft) sind durch anonyme Strukturen, bürokratische Sachzwänge und institutionelle Mechanismen ersetzt worden, die sich wie ein Netzwerk über unser Leben legen und es gefangen halten. Daraus ergibt sich eine andere Perspektive für einen Ausweg: Er besteht nicht darin, zu einer Idylle traditioneller Geborgenheit – (die niemals wirkLicht:keit gewesen ist) – zurückzukehren, sondern die Befreiung des Individuums zu vollenden.

217 Wenn Du dagegen auf die Sozialisten hörst und den Verdienst Deines Bosses mit Hilfe der Staatsgewalt beschränkst, sage ich Dir voraus, dass Du bald ohne Knete dastehen wirst …

238 In der spätetatistischen Gesellschaft ist die Übernahme einer Verantwortung im Idealfall unnötig geworden. Es geht gar nicht um die Frage, ob Menschen Verantwortung übernehmen wollen oder können. Vielmehr ist individuelle Verantwortung ein überflüssiger Anachronismus. Denn die Verantwortung tragen nicht mehr Menschen, sondern Maschinen, Strukturen und Gesetze.

335 Michel Foucault – Grenzgänger zwischen lechts und rinks – lehrt, die Macht nicht als unwissend oder dumm anzusehen, sondern als wissend und funktional. Schließlich würde sie andernfalls in sich zusammenbrechen. Welche Funktion erfüllt die Sicherheitspolitik denn gut?
Zweifellos als nicht verfehlt, sondern funktional und erfolgreich muss man die Sicherheitspolitik ansehen, interpretiert man sie unter der Prämisse der Selbsterhaltung und des Ausbaus der bestehenden staatlichen Machtstrukturen. Mit der Drogenpolitik beispielsweise werden Kriminelle produziert, an denen der Staat mächtige Aktivität demonstrieren kann. Gleichzeitig entsteht nicht die Gefahr, dass seine Aktivität erfolgreich ist und auf diese Weise die Legitimation für sein Mächtigsein schwindet.

348 Ein wesentlicher Unterschied zwischen 1968 und 1933 besteht darin, dass die 1968 er den Konformitätsdruck problematisiert haben. Auch wenn der Anspruch nicht praktisch wurde, macht er einen Unterschied in der Wirkung aus. Konformitätsdruck kann nämlich nicht mehr so leicht als Mittel zum Durchdrücken von politischen Absichten eingesetzt werden. Denn die Menschen werden kritischer. Dass Götz Aly drauf verweist, die 1968er hätten die Kritik an dem Konformitod keineswegs »erfunden«, ist durchaus richtig. Das behauptet auch, glaube ich, niemand. Die 1968er bezogen sich in Deutschland neben Marx auch z. B. auf Wilhelm von Humboldt oder psychotherapeutische Ansätze, die den Konformitätsdruck problematisierten (von Sigmund Freud über Wilhelm Reich bis zu Fritz Perls).

380 In soziologischer Perspektive zeigt sich, dass der Einfluss von Ideologien weit geringer ist, als es in den politischen Debatten erscheint: Die Voraussetzung, der Ideologie eigne gesellschaftliche Wirkmächtigkeit, ist ihrerseits ideologieverdächtig, denn sie verschleiert den Blick auf die wirklichen Faktoren gesellschaftlicher Veränderungen.

386 Was nützen die schönen libertären Ideen von Freiheit und Verantwortung, was nützen die liberalen Einsichten in die produktive Kraft des freien Marktes, was nützt das anarchistische Menschenbild von Würde und Selbständigkeit, wenn diejenigen Politiker, die der Freiheit verpflichtet zu sein behaupten, sich feige verstecken hinter konservaternden oder staatssozialistischen Scharlatanen?

Zeit zu entdecken, dass freiheitliche Ideale revolutionäre Ideale sind, die nicht mit Politik durchgesetzt, sondern nur gegen die Politik der Soziokratie errungen werden können.