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Stefan Blankertz
Die Geburt der Gestalttherapie aus dem Geiste der Psychoanalyse Sigmund Freuds
122 Seiten, [D] 12,80 €
edition g. 402 | Schriftenreihe Berliner Gestaltsalon
ISBN 978-3-7392-4835-6

Ist die Psychoanalyse, in ihrer ursprünglichen Formulierung durch Sigmund Freud, überhaupt noch aktuell? Nicht längst überholt, sowohl durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse als auch durch gesellschaftliche Entwicklungen, die ihre Unzulänglichkeit erweisen? Ich werde zeigen, dass sie aktuell, mehr noch: brisant ist. Dies erweist sich in ihrer Fähigkeit, erschreckende Ereignisse der jüngsten Zeit zu erklären, das Versinken des vorderen Orients in Krieg und in Terror, die Wiederkunft des gewalttätigen religiösen Fanatismus, die Hilflosigkeit in der vielgerühmten »westlichen Welt« (gar das »Abendland« wird wieder bemüht), die Faszination der Gewalt. Freuds Aktualität bezogen auf solch erschreckende Ereignisse ist brisant, weil sie weder in einer einfachen Bestätigung der Richtigkeit westlicher Politik mündet, noch einen andren einfachen politischen Populismus präsentiert.
Die Gestalttherapie kommt ins Spiel, weil sie als gleichsam illegitimes Kind der Psychoanalyse was von der Ungezogenheit und Sperrigkeit gegenüber den wie selbstverständlich akzeptierten, krankmachenden Bedingungen einer überregulierten »organisierten Gesellschaft« bewahrt hat. Die Besinnung auf Freud und die Entwicklung der ursprünglichen Gestalttherapie ist keine historische Fingerübung. Er steht, wie die Bemerkungen am Anfang deutlich machen, im Dienst an der psychologischen Aufklärung gegenwärtiger sozialer Probleme.
Der Text wird abgerundet mit Auszügen aus dem Traumtagebuch, das der Autor parallel zur Relektüre von Freuds »Traumdeutung« geführt 2014-2016 hat. Mit rund 50 Träumen bietet es reichhaltiges Anschauungsmaterial.

»Wenn die Kultur nicht allein der Sexualität, sondern auch der Aggressionsneigung des Menschen so große Opfer auferlegt, so verstehen wir es besser, dass es dem Menschen schwer wird, sich in ihr beglückt zu finden.« (Sigmund Freud, 1930.) Damit ist präzisiert, warum es keine klare Entgegensetzung von Kultur und »Barbarei« oder Gewalt gibt. Wie notwendig oder zumindest wünschenswert die gesellschaftliche Aggressionshemmung auch sein mag, sie erzeugt ein unglückliches Bewusstsein. Aus diesem ergibt sich erneute Aggression, etwa als Ressentiment, als Selbstzerstörung oder als scheinbar sinnlose Lust an der Gewalt, gar an deren Exzessen.

Die Kontrolle der aggressiven Impulse der Individuen durch die Gesellschaft erfordert eine kollektive Aggression, die krank, apathisch, depressiv macht, vereinzelt jedoch zu scheinbar unbegreiflichen Gewaltausbrüchen führt. Das macht das »Unbehagen in der Kultur« aus. Und da draußen lauert der Dschungel, wo die Gewalt allkläglich und handgemacht ist. Die zivilisierte Welt reagiert einerseits mit Schreckstarre, mit Appeasement, mit Verständnis, andererseits mit kalter, aggressionsfreier Bürokratie, mit Drohnen oder sonstigen Maßnahmen, die, je entfernter, kontakt- und gesichtsloser sie sind, als um so moralischer gelten. Andererseits zieht es tausende von uns Wohlstandskindern dahin, selbst Hand anzulegen, auf welcher Seite auch immer.

In der Empörung, die Freuds These seinerzeit auslöste und immer noch fast unvermindert auslöst, dass in Träumen vielfach – zum Teil versteckt – sexuelle Motive auftauchen, drückt sich allerdings auch Sexualabwehr durch die Zensur (des begrifflich erst später eingeführten Über-Ich) aus. Dass es nach Freud in Träumen oft um andere Grundbedürfnisse wie Essen und Trinken – sowie, vor allem, um Schlafen und Ruhen – sich dreht, ruft keine ähnlich gelagerte Empörung und Zurückweisung der Art hervor: ¿Will er uns einreden, dass wir immer nur ans Fressen denken?, ¡wie einseitig!, ¡wie widerlich! »Der Traum als existenzielle Botschaft«, das ist nicht weniger Sexualabwehr als »der Traum ist purer Nonsens«. Erleichtert atmet mann auf, wenn bestätigt wird, sei es durch C.G. Jung, sei es gar durch den schmuddeligen Fritz Perls, nicht »alles« lasse sich auf Sex zurückführen; wobei »nicht alles« durch die Zensur flugs auf ¡Nichts! verkürzt wird.

Die emotionale Wucht hinter der Abwehr gegen Freuds These der Verschiebung von Wünschen im Traum erwächst, psychoanalytisch gesehen, dem Wunsch, keine geheimen, sozial unverträglichen oder den eigenen ethischen Regeln widerstreitende Wünsche zu hegen. Sie gleicht der Reaktion des trotzigen Kindes, das bei der Übertretung einer durch eine Autorität gesetzten Regel sich ertappt fühlt und nun alles ableugnet. Wird mit dieser Deutung die Psychoanalyse gegenüber Kritik auf unlautere Weise immunisiert? Diese Frage ist schwer zu beantworten, denn ja, es liegt darin eine gewisse Immunisierung. Die Behauptung, es gäbe Menschen und sogar derer viele, die zu keinem Zeitpunkt ihrer sozialen oder individuellen Ethik widersprechende Wünsche verspüren, verstieße allerdings gegen alle Erfahrung. Und die aus der Erfahrung, dass es solche Wünsche tatsächlich gibt, resultierende Annahme, deren Kraft wüsste sich irgendwo und irgendwie im Geheimen und Verborgenen Ausdruck zu verschaffen, also durch »Verschiebung«, ist vielleicht nicht in gleicher Weise zu beobachten, liegt aber jedenfalls ziemlich nahe.